Sechs Tage, fast 2.000 Aussteller, über 360.000 erwartete Besucher und das gesamte Brera-Viertel, das sich in eine Open-Air-Ausstellung verwandelt: Der Salone del Mobile.Milano 2026 schloss am Sonntag, den 26. April 2026, in Fiera Milano Rho seine Pforten. Die 64. Ausgabe des globalen Treffpunkts für Innenarchitektur, die am Dienstag, den 21. April, eröffnet wurde, hat Mailands Status als unbestrittene Hauptstadt des Sektors – vor Köln, Stockholm oder Paris – bestätigt. Unter dem Vorsitz von Maria Porro hat die Messe auch deutlicher als in den Vorjahren eine ästhetische Bruchlinie gezogen: zwischen dem „Alles vernetzt“, das das Jahrzehnt der 2010er-Jahre fortführt, und einem „Slow Design“, das Langsamkeit, Materialität und lange Nutzungsdauer beansprucht.
Die Rückkehr lebendiger Materialien
Der erste starke Trend der Ausgabe 2026 betrifft die Materialien. Massivholz (Eiche, Esche, Nussbaum) kehrt mit Macht zurück, aber auch roher Stein – Travertin, geädertes Marmor, Basalt – wird für Tischplatten, Konsolen und sogar Leuchten verwendet. Große italienische Verlage – Cassina, B&B Italia, Poliform, Molteni&C, Edra – präsentierten alle Stücke, die ihre Masse, ihr Gewicht, ihre Unvollkommenheit unterstreichen. Bei den Textilien geben reine Wollbouclé, gewaschene Leinen und stückgefärbte Hanfstoffe den Ton an. Diese Rückkehr zur Materialität wird von einem bewussten Diskurs über Nachhaltigkeit begleitet: Mehrere Marken geben nun den detaillierten CO2-Fußabdruck jedes Stücks an, im Einklang mit der EU-Richtlinie CSRD, die 2025 in Kraft trat.
Slow Design als Manifest
Zweites starkes Signal: „Slow Design“ setzt sich als dominierender Leserahmen durch. Das Konzept, das in den frühen 2000er Jahren von Carolyn Strauss und Alastair Fuad-Luke populär gemacht wurde, bezeichnet einen Designansatz, der die lange Lebensdauer, die Reparierbarkeit und die emotionale Bindung an das Objekt bevorzugt. In Mailand äußerte sich dies in limitierten Kapselkollektionen, Kooperationen zwischen Designern und Handwerkern (Japan, das Ehrengastland, demonstrierte dies eindrucksvoll mit seinen Urushi-Lackwerkstätten) und der systematischen Hervorhebung von Reparaturanleitungen. Skandinavische Marken – HAY, Muuto, Ferm Living – haben „buy less, buy better“ zu ihrem inoffiziellen Slogan gemacht. Ein klarer Bruch mit dem Produktionsrhythmus der Fast Fashion, der in den 2010er Jahren auch das Möbeldesign erfasst hatte.
KI im Design: Zwischen Versprechen und Kontroverse
Im Jahr 2026 ist es schwierig, eine Messe zu organisieren, ohne die Frage der künstlichen Intelligenz zu stellen. Mehrere Studios – darunter Foster + Partners, Gensler und Patrick Jouin – präsentierten generative Stücke, die aus Algorithmen entwickelt wurden, welche Material, Ergonomie und Fertigung optimieren. Doch der Enthusiasmus wurde durch eine unerwartete Kritik gedämpft, die insbesondere von Patricia Urquiola und Konstantin Grcic getragen wurde, die während der Messe gemeinsam eine Stellungnahme in der italienischen Tageszeitung Repubblica veröffentlichten: „Design ist nicht nur eine Gleichung, es ist eine Absicht.“ Die Warnung fand Gehör. Mehrere Debatten im Mailänder Triennale-Palast setzten die Diskussion fort: Wo endet die Optimierung, wo beginnt der Ausdruck? Das Thema wird zweifellos im Mittelpunkt der Ausgaben 2027 und 2028 stehen.
Der Fuorisalone, ein Laboratorium der Stadt
Wie jedes Jahr beschränkte sich das geschäftige Treiben nicht auf das Hauptmessegelände. Der Fuorisalone, die Gesamtheit der über die Stadt verteilten Installationen (Brera, Tortona, 5Vie, Isola, Porta Venezia, Lambrate), verwandelte Mailand in einen riesigen Ausstellungsrundgang. Zu den bemerkenswertesten Installationen gehörten der von BIG entworfene „bewohnte Wald“ im Innenhof der Pinacoteca di Brera, die Kooperation Hermès / Studio Sambonet zur Metallbearbeitung und die immersive Installation von IKEA zum Thema „kleines europäisches Wohnen“. Die Mailänder Design Week zieht laut einer während der Messe veröffentlichten Studie des Politecnico di Milano insgesamt über 2 Milliarden Euro an wirtschaftlichen Auswirkungen für die Stadt nach sich.
Die Meinung der Redaktion
Die Ausgabe 2026 des Salone del Mobile.Milano wird als Wendepunkt in Erinnerung bleiben. Zwei Jahrzehnte lang folgte das Design dem beschleunigten Rhythmus des globalisierten Konsums – Kollektionen, die jede Saison erneuert wurden, Verbundwerkstoffe, asiatische Fertigung. Die Klimakrise, die anhaltende Inflation und eine allgemeine ästhetische Ermüdung haben dem ein Ende gesetzt. Was Mailand 2026 durch seine kuratorischen Entscheidungen und die Aussagen seiner Leitfiguren vorschlägt, ist eine Rückkehr zu Werten, die nie wirklich verschwunden waren: Material, Nutzung, Langlebigkeit. Es ist auch eine indirekte Antwort auf die massive Ankunft der KI in den Studios: Nein, der Algorithmus wird die Geste des Handwerkers nicht ersetzen, und nein, Optimierung ersetzt keine Intention. Für Liebhaber von Interieurs ist die Verheißung schön: weniger Stücke, aber besser ausgewählt, entworfen, um die Zeit zu überdauern. Für die Industrie ist die Herausforderung immens: Man muss wieder lernen, weniger, aber besser und teurer zu produzieren – ohne die Zugänglichkeit zu beeinträchtigen.
Zum Erinnern
- 64. Ausgabe des Salone del Mobile.Milano vom 21. bis 26. April 2026, Fiera Milano Rho.
- Fast 2.000 Aussteller, über 360.000 erwartete Besucher, Präsidentin Maria Porro.
- Trends: natürliche Materialien (Massivholz, Rohstein), Slow Design, Japonismus.
- Wichtige Debatte: Stellung der KI in der Kreation, gemeinsame Stellungnahme Urquiola–Grcic.
- 2 Milliarden Euro wirtschaftliche Auswirkungen für Mailand (Studie Politecnico).
Quellen: - Salone del Mobile — Salone del Mobile.Milano 2026, il palcoscenico delle novità, 21. April 2026 - Cotemaison — Milan 2026 : les tendances déco repérées sur le salon et à la Design Week - IDDeco — Salone del Mobile 2026 : Milan au cœur des tendances déco et des nouveaux modes d'habiter - Salone del Mobile — All the news and events of the Salone del Mobile 2026




