Freitag, 5. Juni 2026, 9:04 Uhr Ostküstenzeit. Die Kontrollzentrale in Houston sendet der Internationalen Raumstation einen der ernsthaftesten Befehle, die eine Besatzung im Orbit erreichen können: Sofort die Druckanzüge anlegen, zum angedockten Crew Dragon Raumschiff zurückkehren und sich auf eine Notfallevakuierung vorbereiten. Begründung: eine plötzliche Verschärfung des Luftlecks im PrK-Transfertunnel des Swesda-Moduls, auf der russischen Seite der Station.

Fünf Astronauten in höchster Sicherheitsstufe

Die vier Mitglieder der Mission Crew-12 – die amerikanische Kommandantin Jessica Meir, der Pilot Jack Hathaway, die französische ESA-Astronautin Sophie Adenot und der russische Kosmonaut Andrey Fedyaev – sowie der NASA-Astronaut Chris Williams verbrachten etwa zwei Stunden in höchster Sicherheitsstufe an Bord des Crew Dragon, bereit zum Abkoppeln, falls der Druck im russischen Segment weiter sinken sollte. Eine tatsächliche Evakuierung zur Erde wurde letztlich nicht ausgelöst.

Ein seit 2019 bekannter, sich aber verschärfender Riss

Der Riss im PrK-Modul ist nicht neu: Er wird seit 2019 überwacht, als die ersten Druckanomalien im russischen Segment der Station festgestellt wurden. Roskosmos hatte das Problem bisher durch punktuelle operative Maßnahmen, mit temporären Abdichtungen, verwaltet. Doch in der Nacht von Montag auf Dienstag verdoppelte sich die Leckrate plötzlich von etwa 450 Gramm auf fast 900 Gramm Luft pro Tag – ein Schwellenwert, der auf amerikanischer Seite automatisch eine Notfallreaktion auslöst.

NASA und Roskosmos: Zusammenarbeit unter Spannung

Die NASA-Sprecherin Bethany Stevens erklärte, dass Roskosmos an diesem Freitag eine umfassendere strukturelle Reparaturmaßnahme als die vorherigen Abdichtungen eingeleitet habe, was die präventive Alarmierung der amerikanischen und europäischen Astronauten rechtfertigte. „Die Risse im russischen Segment sind eine Besorgnis, die die NASA sehr genau beobachtet“, sagte sie in einer auf X veröffentlichten Erklärung. Um 11:04 Uhr Ostküstenzeit, zwei Stunden nach Auslösung des Alarms, gab Mission Control grünes Licht: Reparaturarbeiten vorübergehend ausgesetzt, Situation stabil, Besatzung darf zu den Wohnmodulen zurückkehren.

Eine orbitale Infrastruktur am Ende ihrer Lebensdauer

Die Episode veranschaulicht die wachsende Zerbrechlichkeit einer Station, die seit über einem Vierteljahrhundert in Betrieb ist. Die NASA und ihre Partner planen ihre Deorbitierung bis 2030, ein Vorgang, der SpaceX mit einem speziellen Fahrzeug anvertraut wird. Bis dahin erinnert jeder Vorfall im russischen Segment – dessen Wartung ausschließlich Roskosmos obliegt – an die Komplexität einer Raumfahrtkooperation, die wider alle Widrigkeiten die diplomatische Trennung zwischen Moskau und den westlichen Hauptstädten seit 2022 überlebt.

Sophie Adenot, erste Französin seit Pesquet

An Bord setzt Sophie Adenot ihre Mission fort, die erste französische Astronautin, die seit Thomas Pesquet im Jahr 2021 auf der ISS weilt. Ihre Anwesenheit in der an diesem Freitag alarmierten Besatzung wurde in Paris Minute für Minute verfolgt, wobei das CNES im Laufe des Vormittags mehrere Communiqués veröffentlichte, um daran zu erinnern, dass der Vorfall zu keinem Zeitpunkt das Leben der Bewohner direkt bedroht hatte.

Meinung der Redaktion

Zwei Stunden in Druckanzügen auf einer Station, die die ganze Welt bedenkenlos überfliegt: Die ISS wird alt, und der Westen hat noch keinen Nachfolger bereit. Der Vorfall dieses Freitags ist eine Warnung, die die Raumfahrtagenturen nicht länger als Fußnote in ihren Mitteilungen behandeln können – zumal die Zusammenarbeit mit Roskosmos, dem alleinigen Herrn des russischen Segments, jedes Jahr schwieriger als selbstverständlich angesehen werden kann.

Zum Merken

  • 5 Astronauten wurden am 5. Juni um 9:04 Uhr Ostküstenzeit in Evakuierungsbereitschaft versetzt.
  • Verschärftes Luftleck im PrK-Tunnel des russischen Swesda-Moduls: Abfluss auf ~900 g/Tag erhöht.
  • Alarm nach etwa zwei Stunden aufgehoben; keine Evakuierung zur Erde.
  • Die französische ESA-Astronautin Sophie Adenot gehört zur betroffenen Besatzung.
  • Deorbitierung der ISS bis 2030 geplant; Spannungen um die Alterung des russischen Segments.