Unter der Oberfläche der Ozeane tobt ein stiller Krieg um die Kontrolle der globalen Internetinfrastruktur. Im Jahr 2026 werden 97 % des interkontinentalen Datenverkehrs über 552 Unterseekabel mit einer Gesamtlänge von 1,4 Millionen Kilometern geleitet – das ist das 35-fache des Erdumfangs. Google hat seit 2020 4,2 Milliarden Dollar in eigene Kabel investiert, darunter das „Firmina“, das die USA mit Brasilien verbindet, und das „Apricot“, das den Pazifik durchquert. Meta, Amazon und Microsoft folgten diesem Beispiel, sodass die GAFAMs nun direkt oder indirekt 72 % der transatlantischen Unterseekapazität besitzen. (Quelle: TeleGeography, Financial Times)
Starlink, die Satellitenkonstellation von SpaceX, hat im März 2026 die Marke von 8.000 operationellen Satelliten im niedrigen Erdorbit überschritten und deckt 98 % der Erdoberfläche ab. Mit 6 Millionen Abonnenten und einem geschätzten Umsatz von 11 Milliarden Dollar ist Starlink zu einem unverzichtbaren – und umstrittenen – Akteur der globalen Konnektivität geworden. In der Ukraine wurde das Netzwerk als „digitales Rückgrat“ der Kriegsanstrengungen bezeichnet. Im Iran nutzen Regimegegner es, um die Zensur zu umgehen. Doch die Abhängigkeit von einem privaten US-Unternehmen für kritische Infrastrukturen wirft Fragen der Souveränität auf, die viele Regierungen lieber ignorieren. (Quelle: SpaceX, Reuters, MIT Technology Review)
China hat mit dem Programm „SkyNet-2030“ darauf reagiert, einer Konstellation von 13.000 Satelliten im niedrigen Erdorbit, die von China Satellite Communications betrieben wird. Gleichzeitig hat das Konsortium „Peace Cable“ – finanziert von der Hengtong Group und Huawei Marine – 16.000 Kilometer Kabel zwischen China, Pakistan, Ostafrika und Frankreich verlegt und bietet damit eine Alternative zu den von US-amerikanischen Betreibern kontrollierten Routen. Die Europäische Union, sich ihrer Abhängigkeit bewusst, hat das IRIS²-Programm gestartet: eine souveräne Konstellation von 170 Satelliten, die für 2028 geplant ist, deren Finanzierung von 6 Milliarden Euro jedoch ungewiss bleibt. (Quelle: Xinhua, Europäische Kommission, Submarine Cable Map)
Die Vorfälle häufen sich und offenbaren die Anfälligkeit des Systems. Im Januar 2026 reduzierte der gleichzeitige Bruch zweier Unterseekabel im Roten Meer – den jemenitischen Huthi-Rebellen zugeschrieben – die Internetkapazität zwischen Europa und Asien elf Tage lang um 25 %. Im Februar wurde ein Kabel, das Taiwan mit den Philippinen verbindet, unter verdächtigen Umständen durchtrennt, was zu einem Rückgang der Bandbreite in der Region um 40 % führte. Die NATO-Marinen haben ihre Überwachung verstärkt, aber die 552 globalen Kabel, die oft in geringer Tiefe in internationalen Gewässern verlegt sind, bleiben praktisch unverteidigbar. (Quelle: AP, Naval Technology, TeleGeography)
Es geht um mehr als Technik: Es ist eine grundlegend geopolitische Frage. Wer die Internetinfrastruktur kontrolliert, kontrolliert den Fluss von Informationen, Handel und Intelligenz. Die Vereinigten Staaten dominieren immer noch dank ihres Vorsprungs bei Kabeln und Satelliten, aber China holt in alarmierendem Tempo auf. Europa reguliert, wie üblich, mehr als es baut. Und die Länder des Südens – die 60 % der Internetnutzer ausmachen, aber nur 8 % der Infrastruktur besitzen – bleiben abhängig von Entscheidungen, die in Washington, Peking oder Brüssel getroffen werden. Digitale Souveränität ist kein abstraktes Konzept: Es ist das neue Terrain der Rivalität der Großmächte. (Quelle: Brookings Institution, ITU, Weltbank)





