Die Lexikografie tritt in eine Ära des Umbruchs ein. Im März 2026 enthüllte Google DeepMind "LexiGen", ein spezialisiertes Sprachmodell, das in der Lage ist, vollständige Wörterbucheinträge – Definitionen, Etymologien, Anwendungsbeispiele, Register – für jede Sprache aus einem Korpus von nur 10.000 Sätzen zu generieren. Die technische Meisterleistung basiert auf einem multilingualen Transferlernen, das mit 400 Sprachen trainiert und von muttersprachlichen Linguisten verfeinert wurde. Das Projekt, "Universal Dictionary Initiative" genannt, zielt darauf ab, die 7.168 lebenden Sprachen, die von Ethnologue erfasst wurden, bis 2030 zu dokumentieren. (Quelle: Google DeepMind, Ethnologue)
Die Dringlichkeit ist real. Laut UNESCO verschwindet alle zwei Wochen eine Sprache. Von den 7.168 weltweit gesprochenen Sprachen gelten 3.045 als gefährdet und 573 als "kritisch bedroht" – was bedeutet, dass nur noch wenige ältere Sprecher sie beherrschen. Bislang erforderte die Dokumentation einer Sprache jahrelange Feldforschung durch spezialisierte Linguisten. Mit LexiGen kann die Anlaufphase – die Erstellung eines Basiswortschatzes von 15.000 Einträgen – in sechs Wochen abgeschlossen werden, vorausgesetzt, es liegen Audioaufnahmen und minimale Transkriptionen vor. (Quelle: UNESCO Atlas der bedrohten Sprachen)
Die Académie française, eine traditionell technologiekritische Institution, überraschte mit der Ankündigung einer Partnerschaft mit dem MIT Media Lab zur Integration von KI in die neunte Ausgabe ihres Wörterbuchs. Das Projekt zielt nicht darauf ab, die Akademiker zu ersetzen, sondern sie mit Werkzeugen auszustatten: Die KI analysiert 28 Milliarden Wörter aus zeitgenössischen französischsprachigen Korpora – soziale Netzwerke, Podcasts, wissenschaftliche Veröffentlichungen –, um Neologismen, semantische Entwicklungen und Lehnwörter zu identifizieren. Im Jahr 2025 entdeckte das System 4.200 neue Verwendungen, von denen 340 von der Wörterbuchkommission übernommen wurden. (Quelle: Académie française, MIT Media Lab)
Die kommerziellen Anwendungen nehmen zu. Das Berliner Startup Langify, das im Januar 2026 85 Millionen Euro an Finanzmitteln einwarb, bietet Unternehmen einen Echtzeit-Service für mehrsprachige Terminologie an: Ein in Englisch erstellter Fachbegriff wird sofort in 120 Sprachen übersetzt, definiert und kontextualisiert mit einer Genauigkeit, die das Unternehmen als über 97 % liegend beansprucht. Airbus, Siemens und die WHO gehören zu seinen ersten Kunden. Das Modell bedroht direkt die traditionellen Herausgeber zweisprachiger Wörterbücher, deren Umsatz seit 2020 um 45 % gesunken ist. (Quelle: TechCrunch, Langify)
Die ethische Frage bleibt: Wer definiert eine Sprache? Wörterbücher waren schon immer Instrumente der Macht, die bestimmte Verwendungen kodifizierten und andere ausschlossen. Diese Kodifizierung Algorithmen anzuvertrauen, die auf massiven Korpora trainiert wurden, birgt das Risiko, dominante Verzerrungen zu verstärken – Englisch macht immer noch 56 % der weltweiten Textdaten aus. Die Linguisten des Endangered Languages Project betonen die Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen Governance: Die muttersprachlichen Sprecher, nicht die Ingenieure des Silicon Valley, müssen die Wörterbucheinträge validieren. KI ist ein Werkzeug, kein Orakel – und die sprachliche Vielfalt ist ein zu kostbares Erbe, um es allein Algorithmen anzuvertrauen. (Quelle: Endangered Languages Project, Nature Human Behaviour)



