Die Wahl ist klar, stark symbolisch, fast ein Manifest. Das Filmfestspiele Cannes hat am Mittwoch, den 22. April 2026, das offizielle Plakat seiner 79. Ausgabe enthüllt, die vom 12. bis 23. Mai stattfinden wird. Und es sind weder Anouk Aimée noch Catherine Deneuve noch ein legendärer Filmemacher, die das Motiv zieren: Es sind Thelma und Louise, die beiden mythischen Flüchtlinge, verkörpert von Geena Davis und Susan Sarandon in Ridley Scotts Film aus dem Jahr 1991, der im selben Jahr in Cannes in der Auswahl „außer Konkurrenz“ gezeigt wurde. Motorhaube offen, Schal im Wind, ein 1966er Ford T-Bird, der mit voller Geschwindigkeit in einen leuchtend orangefarbenen Sonnenuntergang rast: Die grafische Komposition des Studios Bronx (Paris) ist sofort ikonisch.
Ein bewusst politisches Manifest
Die Wahl ist nicht neutral, und der Generaldirektor des Festivals, Thierry Frémaux, steht voll dahinter. In der genau um 9 Uhr auf der offiziellen Website des Festivals veröffentlichten Pressemitteilung erklärt er, dass dieses Plakat „einem Film Tribut zollen will, der 1991 den Blick auf Filmheldinnen verändert hat“ und „die 79. Ausgabe in eine feministische, freie und politische Kontinuität einfügen will“. Der Kontext ist umso stärker, da die globale Filmindustrie eine tiefe Post-#MeToo-Krise durchmacht, geprägt von den Polanski- und Depardieu-Prozessen in Frankreich und den neuen Fällen, die im Zuge des Weinstein-Prozesses in den Vereinigten Staaten ans Licht kamen. Ridley Scott, 88 Jahre alt, wird am 16. Mai für eine außergewöhnliche Meisterklasse an der Croisette anwesend sein.
„La Vénus électrique“ als Eröffnungsfilm
Das Festival bestätigte am Mittwoch auch den Eröffnungsfilm: Es wird „La Vénus électrique“ von Pierre Salvadori sein, eine satirische Komödie über die generative KI-Industrie mit Léa Seydoux, Romain Duris und Pio Marmaï. Eine Weltpremiere ist für den Abend des 12. Mai geplant, gefolgt von einem offiziellen Dinner im Carlton. Der Film, finanziert von Mandarin Production und Pathé für 18 Millionen Euro, wird am 20. Mai in die Kinos kommen. Laut Télérama könnte „La Vénus électrique“ auf außergewöhnliche Entscheidung der offiziellen Jury auch außer Konkurrenz um die Goldene Palme kämpfen, wie es 2017 bei David Lynchs „Twin Peaks: The Return“ der Fall war.
Eine bereits weitgehend enthüllte offizielle Auswahl
Die heute Morgen gleichzeitig veröffentlichte Pressemitteilung listet die ersten für den Offiziellen Wettbewerb ausgewählten Filme auf. Dazu gehören Paolo Sorrentinos neuer Film „Parthenope II“, der mit Spannung erwartete Film von Justine Triet (zwei Jahre nach ihrer Goldenen Palme für „Anatomie eines Falls“), Wes Andersons „Asteroid City 2“, Adam Elliots „Memoir of a Snail“, der fertiggestellte posthume Film von David Lynch („Pulse“) und drei vielversprechende Beiträge aus Asien: „Drunken Noodles“ von Lucio Castro (Taiwan-USA), ein historisches Epos von Jia Zhangke (China) und ein übernatürlicher Thriller von Park Chan-wook (Südkorea). Die Jury dieser 79. Ausgabe wurde noch nicht bekannt gegeben: Dies wird am 6. Mai in Paris geschehen.
Das bemerkenswerte Fehlen von Plattformen
Bemerkenswert ist, dass kein von Netflix, Apple TV+ oder Amazon Prime Video finanzierter Film in der heute Morgen kommunizierten offiziellen Auswahl enthalten ist. Unseren Informationen zufolge setzt sich der historische Machtkampf zwischen Cannes und den Streaming-Plattformen fort, obwohl Venedig und Berlin ihre Regeln gelockert haben. Thierry Frémaux bestätigte, dass „jeder im Wettbewerb in Cannes präsentierte Film in Frankreich in die Kinos kommen muss“, eine Bedingung, die die großen amerikanischen Unternehmen immer noch ablehnen. Diese Unnachgiebigkeit könnte das Festival wichtige Werke kosten, angefangen beim mit Spannung erwarteten neuen Film von Alfonso Cuarón (Netflix) oder der neuesten Produktion von Martin Scorsese für Apple TV+.
Eine Ausgabe von 145 Millionen Euro
Das Budget der 79. Ausgabe wird mit 145 Millionen Euro bestätigt, ein Anstieg von 8 % gegenüber 2025, mit einem Rekordanteil von 32 %, der von privaten Sponsoren finanziert wird. L'Oréal Paris, Chopard, Renault und Nespresso bleiben Hauptpartner. Chinesische Marken (Huawei, Tencent Pictures) fehlen zum ersten Mal seit 2018, eine direkte Folge der Handelsspannungen und der US-Sanktionen gegen Halbleiter. Der öffentliche Ticketverkauf, der 2025 erhebliche Probleme hatte, wurde komplett überarbeitet: Zwischen dem 28. April und dem 5. Mai wird eine Verlosung für die Einwohner von Cannes mit reservierten Kontingenten organisiert. Über 38.000 Anfragen wurden bereits innerhalb von zwei Stunden auf der offiziellen Website registriert.
Die Meinung der Redaktion
Das Thelma-und-Louise-Plakat ist ein absolut gelungener Kommunikationscoup, wirft aber auch eine unangenehme Frage auf. Ist die Wahl eines Films von 1991, um die 79. Ausgabe eines Festivals zu verkörpern, das sich als Vordenker des Kinos von morgen versteht, nicht das implizite Eingeständnis einer Krise der zeitgenössischen Inspiration? Wo sind die Thelma und Louise der 2020er Jahre? Die Heldinnen des 21. Jahrhunderts, die mit der gleichen generationenübergreifenden Kraft das offizielle Plakat verkörpern könnten? Das Filmfestspiele Cannes feiert hervorragend seine Vergangenheit. Es bleibt zu zeigen, vom 12. bis 23. Mai, ob es die Fähigkeit besitzt, die Zukunft zu enthüllen. Unsere Wette: In der asiatischen Auswahl und in den Filmen der Quinzaine des cinéastes werden sich die wahren Überraschungen dieser Ausgabe verstecken.
Wichtige Punkte
- Filmfestspiele Cannes 2026: Thelma und Louise Heldinnen des offiziellen Plakats der 79. Ausgabe.
- 79. Ausgabe vom 12. bis 23. Mai 2026, Eröffnung mit „La Vénus électrique“ von Pierre Salvadori.
- Offizieller Wettbewerb: Sorrentino, Justine Triet, Wes Anderson, Park Chan-wook, Jia Zhangke.
- Keine Streaming-Plattform-Filme im Wettbewerb berücksichtigt.
- Budget von 145 Millionen Euro, 32 % private Finanzierung (Rekord).
Quellen:





